Walter A. Berendsohn

Walter Arthur Berendsohn (1884–1984) stammte aus dem assimilierten jüdischen Mittelstand in Hamburg – aus einer seit Generationen hier ansässigen Familie: Sein Urgroßvater Bernhard Salomon Berendsohn gründete 1833 einen Verlag, der hochwertige Kupferstiche von Hamburger Stadtansichten herstellte. Dessen Sohn Martin Berendsohn betrieb an den Alsterarkaden ein gut gehendes Antiquariat, und auch die darauf folgende Generation war in Hamburg kaufmännisch tätig.

Walter A. Berendsohn studierte Germanistik, Klassische Philologie und Philosophie. 1914 trat er, inzwischen promoviert, im Rahmen des Hamburger Allgemeinen Vorlesungswesens eine Stelle als „Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ an, jedoch wurde er wenige Tage später in den Kriegsdienst einberufen. Er kämpfte fast über die ganze Dauer des 1. Weltkrieges an der Westfront. Zweimal verwundet und durch grausame Kriegserlebnisse traumatisiert, wurde er bis an sein Lebensende von wiederkehrenden Albträumen und Angstzuständen gequält.

1919 nahm er seine wissenschaftliche Tätigkeit wieder auf. Er lehrte nun an der Hamburgischen Universität skandinavische und deutsche Literaturgeschichte, ab 1926 mit dem Titel eines nicht beamteten außerordentlichen Professors. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit engagierte er sich politisch für die Weimarer Republik, unter anderem war er Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte und der SPD. Wegen dieser Aktivitäten und seiner jüdischen Herkunft war er ab 1933 im Visier der Nazis. Die Universität Hamburg entzog ihm die Lehrerlaubnis und entließ ihn aus dem Dienst. Mit der Ausbürgerung aus Deutschland im Jahr 1936 wurde ihm außerdem sein Doktortitel aberkannt.

Angesichts der akuten Bedrohung durch die Nazis emigrierte er bereits 1933 gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Dänemark, wo er seine Familie mit publizistischen Arbeiten über dänische Dichter 10 Jahre lang mühsam über Wasser hielt.  Als Hitler im Herbst 1943 die Deportation der dortigen Juden anordnete, entkam Berendsohn in letzter Minute mit Hilfe selbstloser dänischer Fischer in einer lebensgefährlichen mehrstündigen Nachtfahrt mit einem Ruderboot nach Schweden. In Stockholm gelang ihm dank seiner unermüdlichen Tatkraft eine Wendung des erzwungenen Exils in eine „produktive Emigration“, zunächst als „Archivarbeiter“ im Strindberg-Archiv der Königlichen Bibliothek, später – im Alter von 68 Jahren! – als Lehrbeauftragter für Deutsche Literatur an der Universität Stockholm, eine Tätigkeit, die er bis ins 87. Lebensjahr ausübte.

Noch in Dänemark begann Berendsohn mit der Sammlung deutschsprachiger Exilliteratur. Der erste Teil seiner bahnbrechenden Pionierstudie „Die humanistische Front“, der eine Einführung in die deutsche Exilliteratur der Jahre 1933 bis 1939 enthielt, wurde 1946 veröffentlicht. Den zweiten Teil der Überblicksdarstellung, der die Zeit von 1939 bis 1946 umfasst, schloss er 1949 ab, jedoch wurde dieses Werk wegen zunächst fehlenden Interesses im Nachkriegsdeutschland erst 1976 publiziert. Unabhängig davon gab Berendsohn im Alter von 85 Jahren den entscheidenden Anstoß für die Etablierung der Exilliteratur-Forschung, als er 1969 in Stockholm das erste Internationale Symposion zur Erforschung der deutschen Exilliteratur initiierte, aus der anschließend die Stockholmer Koordinationsstelle zur Erforschung der deutschsprachigen Exil-Literatur hervorging. Ein Teil des wertvollen Materials, das hier im Laufe vieler Jahre gesammelt und archiviert wurde, ist heute in der Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg zugänglich.

Berendsohns Wunsch, nach dem Ende des 2. Weltkrieges an die Universität Hamburg zurück zu kehren, wurde von der Philosophischen Fakultät in beschämender Weise vereitelt. Eine beispiellose Intrige, in der Berendsohn persönlich und fachlich diffamiert wurde, führte dazu, dass die Fakultät Gastvorträge Berendsohns ablehnte. Als sie 1954 seine bestehende Lehrbefugnis formal anerkennen musste, verlangte sie von ihm, hiervon keinen Gebrauch zu machen. Erst 1982, nachdem der Schriftsteller Arie Goral die skandalöse Diffamierungskampagne im Detail aufgedeckt hatte, leistete die Universität Hamburg Abbitte und verlieh dem inzwischen 98-jährigen Berendsohn die Ehrendoktorwürde. Einige Jahre nach seinem Tod wurde die Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg in einem feierlichen Akt nach ihm benannt.